16.06.2021

Wandern in Rollen

Im Privaten kennen wir alle das Rollenkonzept schon lange.

Rolle

Bei Wanderungen gibt es wie bei der Arbeit Entscheidungen zu treffen.

Wir waren wandern. Weil bei uns in den letzten Monaten in verschiedenen Mandaten das Thema Rollen, Rollenfindung, Umgang mit Rollen aktuell war, haben wir uns während der Wanderung überlegt, ob sich unsere Wanderung als Beispiel eignen würde, um das Konzept der Rollen zu beschreiben. Hier sind unsere Gedanken dazu und wir hoffen, so zu einem besseren Verständnis über Rollen beizutragen.

Könnerschaft ist massgebend, um Rolle zu ziehen

Als ehemaliger Pfadfinder war es für mich ganz natürlich, mit der Karte in der Hand voranzugehen, das Tempo unter Berücksichtigung von Luzias Atemfrequenz zu bestimmen und bei Abzweigungen zu entscheiden, welche Richtung wir einschlagen. Wir mussten uns dazu nicht absprechen. Wir haben die Rolle «Wanderleiter» auch nicht definiert und festgelegt, welche Aufgaben dazu gehören. Es war für uns beide selbstverständlich, dass ich diese Rolle übernehme. Ich habe mehr Erfahrung beim Kartenlesen, beim Einschätzen der Wetterlage und beim Wandern generell. Man könnte sagen, Könnerschaft hat dazu geführt, dass ich die Rolle «Wanderleiter» (nach dem Pull-Prinzip) übernommen habe.

Hinweis von einer anderen Rolle

Es gab eine Stelle auf der Route, wo der Wegverlauf nicht eindeutig war. Es war eine Art Wegverzweigung, ohne Wegweiser und Wegmarkierungen waren keine zu sehen. Aufgrund der allgemeinen Richtung, die wir anstrebten, entschied ich in meiner Rolle als Wanderleiter, dass wir dem linken Wegverlauf folgten. Nach drei Schritten bemerkte Luzia, dass es bei der rechten Abzweigung doch eine Wandermarkierung gibt und dass der rechte Weg wohl der richtige sei. Aus dem neuen Blickwinkel sah ich die Wegmarkierung auch und wir schlugen den rechten (und schlussendlich richtigen) Weg ein. Alles kein Problem, zusammen haben wir den richtigen Weg gefunden.

Wer andere Rollen hat, denkt trotzdem mit

Was ist hier passiert? In meiner Rolle als Wanderleiter habe ich entschieden, aufgrund der mir vorliegenden Informationen. Ich hätte Luzia für diese Entscheidung vorgängig konsultieren können, doch mir schien die Entscheidung wie so viele vorher zu geringfügig, als dass sich eine Konsultation gelohnt hätte. Luzia auf der anderen Seite war grundsätzlich einverstanden, dass ich die Rolle Wanderleiter übernommen habe. Für sie war das völlig in Ordnung so. Sie hat dennoch mitgedacht und sich nicht gesagt: Okay, er hat die Rolle Wanderleiter, er muss sich um alles kümmern, das geht mich alles nichts mehr an, er ist dann schuld, wenn wir uns verirren. Nein, sie hat die Wandermarkierungen ebenfalls beachtet und sich gemeldet, als sie Zweifel am Entscheid hatte. Nach gemeinsamer Beratschlagung war es klar. Ohne Vorwürfe oder verletzte Eitelkeiten.

Rollen sind natürlicher als Stellen

Ich bin überzeugt, in Organisationen geht die Rollenfindung und -ausübung genau gleich. Bei nur zwei beteiligten Personen wie bei unserer Wanderung ist es natürlich einfacher zu wissen, wer welche Rolle hat. Bei einer grösseren Anzahl beteiligter Personen kann es sinnvoll sein, schriftlich festzuhalten, wer welche Rolle gezogen hat und die Person beschreibt kurz, was sie unter dieser Rolle versteht. Es ist weder nötig noch möglich, die Rolle abschliessend zu definieren. Vielmehr gilt es immer wieder, die Erwartungen auszuhandeln. Mir ist bewusst, dass das für Organisationen, die mit detaillierten Stellenbeschrieben und AKVs arbeiten, abenteuerlich klingt. Doch ehrlicherweise muss man sagen, dass auch detaillierte Stellenbeschreibungen nie so umfassend sind, dass sie sämtliche Situationen abdecken und selten aktuell sind. Und dann beginnt es zu knirschen im System. Da sind die Übernahme und Gestaltung von Rollen sehr viel natürlicher.

PS: Und es freut uns sehr, dass wir mit unserer Live-Schilderung in einem Team auch in Sachen Humor einen Beitrag leisten konnten☺.

Autor

Beat Kunz

Beat Kunz ist Organisations- und Kommunikationsberater. Im Blog berichtet er aus seiner vielfältigen Tätigkeit bei crearium.

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Kommentare (2)

  • Chris Bühler am 17.06.2021
    Schöne Analogie. Ein grosser Stolperstein (Pun intended) scheint mir indes hier zu liegen: "Ohne Vorwürfe oder verletzte Eitelkeiten." - Toll, dass das bei euch zu klappen scheint. Auf Anhieb? - wohl kaum: Dafür braucht es Vorarbeit: Eine Arbeits- und Fehlerkultur, die Vertrauen schafft. Und das übersehen leider viele Unternehmen und Organisationen, die solche Modelle einführen wollen - und wundern sich nachher, wieso der Weg so steinig ist...

    Was sind eure Erfahrungen in dieser Hinsicht?
    • Luzia am 18.06.2021
      Hallo Chris. Herzlichen Dank für deinen Kommentar. Ich teile deine Gedanken zur Vorarbeit. Für mich ist immer wegweisend, welches Menschenbild die Person die Selbstorganisation einführt oder mehr Selbstorganisation zu lässt, hat. Daraus leitet sich die ganze Organisationsgestaltung und somit auch die Kultur ab. Und auch welches Bild von Führung die Person hat. Ist es das Bild: ich muss alles Wissen und Entscheiden oder habe ich das Verständnis von: Könnertum und Wissen aller nutzen. Ich bin mit dir einig, dass ist Bewusstseinsarbeit und das ist Arbeit :-).
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