21.07.2021

Wie ein Ameisenhaufen organisiert ist

Mit einer Königin, aber selbstorganisiert.

Selbstorganisation

Ein Ameisenstaat kennt keine zentrale Steuerung oder Management und funktioniert völlig selbstorganisiert.

Wenn wir mit Managern und Managerinnen über Organisation, Organisationsgestaltung und -entwicklung sprechen, kommt es oft vor, dass uns der Ameisenstaat als Beispiel einer perfekten Organisation dargestellt wird. Natürlich, ein Ameisenstaat funktioniert sehr gut. Der Vergleich mit unseren Organisationen hinkt jedoch beträchtlich. Davon handelt dieser Blogbeitrag.

Keine zentrale Kontrolle

Viele Führungspersonen schwärmen vom gut funktionierenden Ameisenhaufen, weil er so gut organisiert wirkt. Es gibt pro Ameisenvolk in der Regel eine Königin sowie viele tausend Arbeiterinnen und Kriegerinnen. Auf diese Ausgangslage unser Bild von Organisationen zu projizieren ist ein häufiger Denkfehler. Dies würde bedeuten, dass die Königin schlussendlich den ganzen Ameisenhaufen steuert. Und weil sie nicht mit den vielen tausend Arbeiterinnen und Kriegerinnen direkt kommunizieren kann, muss es ein Middle Management geben: eine Leiterin Essensbeschaffung, eine Leiterin Verteidigung und eine Leiterin Brutpflege. Und auch die können nicht direkt alle ihre Untergebenen steuern, also geht das so weiter bis runter zu Teamleiterinnen. Natürlich nicht. Ein Ameisenhaufen ist komplett selbstorganisiert. Bei Ameisen gibt es keine zentrale Kontrolle oder Management.

Komplette Selbststeuerung

Auch wie die Ameisen ihre Aufgaben erfüllen, weckt Bewunderung. Jede Ameise weiss ganz genau, was sie zu tun hat und erledigt ihre Aufgabe mit grossem Fleiss. Doch wie «wissen» die Ameisen überhaupt, welche Funktion sie zu übernehmen haben? Gibt es eine Rekrutierungs- oder Einteilungsameise, die jeder Ameise eine klar definierte Aufgabe zuweist? Natürlich nicht. Ameisen sind komplett selbstgesteuert. Es gibt keine Zuteilung der Aufgaben. Die Sorte Arbeit, die die Arbeiterinnen machen (Brutpflege, Müllabfuhr, Soldatinnen, …), hängt vor allem mit dem Alter zusammen. Je jünger die Ameise ist, desto eher arbeitet sie innen im Nest, beispielsweise als Brutpflegerin. Und je älter sie ist, desto mehr Risiko geht sie ein (Futtersuche, Verteidigung der Kolonie).

Entscheidungen fallen aus Überzeugung

Gibt es denn in einem Ameisenstaat keine Entscheidungen zu treffen? Wie wissen die Ameisen, wo sie ihr Nest bauen sollen und wo sie auf Futtersuche gehen sollen? Für die Futtersuche haben Kolonien Explorerinnen, die morgens als erste auf die Suche gehen. Wenn sie etwas gefunden haben, rekrutieren sie dann andere Ameisen, um beim Abtransport zu helfen.

Manche Ameisenarten können als Volk umziehen – also ihren bisherigen Standort verlassen und ein neues Nest bauen. Das geschieht, wenn eine Arbeiterin eine bessere Stelle gefunden hat. Dann holt sie sich eine weitere Arbeiterin und schaut sich mit dieser den neuen Standort an. Wenn die zweite Ameise den neuen Standort auch für geeigneter hält als der aktuelle, suchen sich beide jeweils eine weitere Arbeiterin und schauen mit ihr den neuen Standort an und so weiter… So ergibt sich schnell eine Menge Ameisen, die den neuen Standort inspizieren: erst 2, dann 4, dann 8, dann 16 usw. Das nennt sich Tandem-Rennen. Irgendwann ist ein Schwellenwert erreicht, bei dem die ganze Kolonie umzieht. Wenn allerdings die neue Stelle nicht eindeutig besser ist, dann verläuft sich die Sache schnell, da die rekrutierten Arbeiterinnen nach der Inspektion des neuen Standorts nicht mitmachen und keine anderen Ameisen dorthin führen.

Gutes Beispiel für Organisationen – einfach anders

Der Ameisenhaufen als Beispiel einer gut funktionierenden Organisation ist faszinierend und wir können viel davon lernen und auf unsere Organisationen übertragen. Ein Ameisenstaat funktioniert wunderbar, auch wenn die Königin gar nicht regiert (steuert) und es keine zentrale Kontrolle und kein Management gibt. Die Ameisen leisten ihren Beitrag an die Gesamtorganisation, so gut sie können. Dafür wählen und definieren sie ihre Rolle und ihren Aufgabenbereich selber. Es gibt natürlich auch keine Zielvorgaben (und entsprechend auch keinen Bonus). Entscheidungen kommen zustande, indem ich anderen von meiner Entdeckung oder Idee erzähle. Wenn die andere Person auch davon begeistert ist, erzählt sie es weiter und begeistert weitere Personen. Wenn genügend Personen davon begeistert sind, setzen wir die Idee gemeinsam um. Das ist ein spannender Ansatz für eine Organisation. Wie gut ist das in Organisationen umsetzbar?

Dieser Blogbeitrag entstand dank der freundlichen Unterstützung von Prof. Cleo Bertelsmeier. Sie forscht mit ihrer Gruppe an der Universität Lausanne zu biologischen Invasionen, Klimawandel, Globalisierung, Naturschutz, Gemeinschaftsökologie, Makroökologie, Myrmökologie und Ökophysiologie. Als Modellsystem verwenden sie häufig Ameisen, die sich gut eignen, um Hypothesen zur globalen Invasionsdynamik zu testen. https://wp.unil.ch/bertelsmeiergroup/

 

 

Autor

Beat Kunz

Beat Kunz ist Organisations- und Kommunikationsberater. Im Blog berichtet er aus seiner vielfältigen Tätigkeit bei crearium.

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