09.12.2020

Was hat ein «Nasenblüttler» mit unserer Arbeitswelt zu tun?

Eine Einladung zu einer sprachlichen Auseinandersetzung.


Sprache schafft Wirklichkeit

Sprache schafft Wirklichkeit.

Am Rethink Festival im November trafen sich online mehr als 200 Menschen aus den verschiedensten Ländern, um über New Ways of Working zu diskutieren. Nebst zwei Keynotes fanden in 20 Sessions Diskurse zu den unterschiedlichsten Themen statt. Es war uns eine Freude beizutragen und in einer Workshop Session haben wir uns unter anderem mit dem Gebrauch der Sprache auseinandergesetzt. Denn Sprache schafft Wirklichkeit und da hilft es, genau zu reflektieren, welche Realität wir dabei transportieren. Auch wer sich noch nicht intensiv mit den New Work Themen beschäftigt hat, dem ist wahrscheinlich schon aufgefallen, dass andere Wörter benutzt werden oder andere Wörter an Bedeutung gewinnen. Davon handelt dieser Blogbeitrag.

Sprache schafft Wirklichkeit

Der Paradigmenwechsel in der Arbeit zeichnet sich für uns dadurch aus, dass wir mit unseren bestehenden Managementpraktiken nicht mehr zukunftsfähig sind. Weil Komplexität zurückkehrt und weil die Gesellschaft andere Anforderungen an die Arbeitswelt stellt. Darum braucht es eine andere Gestaltung von Organisationen und der Zusammenarbeit. Unsere Sprache ist aber noch oft durch das «alte, klassische» System geprägt. Zum Beispiel: Humankapital beziehungsweise Human Resources. Was transportieren wir damit? Dass Menschen eine Art Ressourcen darstellen? Ein Kapital, das auf einer Buchhaltungsliste abbuchbar ist? Oder das Wort Schnittstelle. Warum schneiden wir etwas durch, wenn wir eigentlich eine Verbindung suchen? Oder mein Lieblingsunwort: Menschen abholen. Stehen die alle an einer Bushaltestelle und warten darauf, dass ein gütiger Chauffeur sie abholt und wir eine Fahrgemeinschaft bilden? Wollen wir wirklich diese Bedeutung weiter transportieren? Und doch sind das Begriffe, die in der Arbeitswelt täglich gebraucht werden.

Corona und die Sprache

Jedes Grossereignis prägt unsere Sprache, ja sogar jedes Ereignis wirkt in die Sprache hinein. Die Frage ist nur, was davon bleibt, was davon wieder vergeht und was verankert sich tiefer. In unserem Workshop hat uns eine Teilnehmerin gesagt, sie habe über das Wort Vorgesetzter oder Vorgesetze noch nie nachgedacht. Nach genauerem Nachdenken erkannte sie, dass das jemand ist, den/die man «(da)vor» (also vor die Nase) gesetzt bekommt. Und ja, sie hätte das nicht so gerne und in Zukunft möchte sie dieses Wort vermeiden. Ihre Reflexion bildet ein Ereignis, das sich auf ihre Sprache auswirkt. Auch Corona ist ein solches Ereignis. Das letzte Mal vor Corona als ich über Abstandsregeln diskutiert habe, war im Autofahrunterricht. Mit Corona hat dieses Wort für mich eine neue Bedeutung bekommen. Was macht die Corona-Pandemie mit unserer Alltagssprache? Und welche Realitäten schaffen wir da? Damit hat sich das Schweizer Radio SRF auseinandergesetzt und in einem Podcast beleuchtet. Darin erfahren Sie, was ein «Nasenblüttler» ist und warum mit Social Distancing eigentlich eher ein Physical Distancing gemeint ist.

Das Wort des Jahres

Sprache schafft Wirklichkeit. Erneut prüft eine Jury der ZHAW (Zürcher Hochschule der angewandten Wissenschaften) das Wort des Jahres für 2020. Diese Woche war es soweit. «systemrelevant» ist das Wort des Jahres, das zusammenfassen soll, was die Bevölkerung in diesem Jahr stark bewegt hat. Auch wir von crearium haben über unser Wort des Jahres nachgedacht. Wir überlegten, was uns am stärksten bewegt hat oder was für uns der intensivste Diskurs war. Unser Wort des Jahres ist: Menschenbild. Weil wir all die Momente genossen haben, mit Menschen darüber zu reden, welchen Einfluss unser Menschenbild auf unsere Arbeitswelt hat.

Und was ist Ihr Wort des Jahres in Bezug zur Arbeit und warum? Wir freuen uns auf Ihre Anmerkungen im Kommentarfeld.

Autor

Luzia Anliker

Luzia Anliker ist Beraterin und Coach. Im Blog berichtet sie aus ihrer langjährigen und vielfältigen Tätigkeit bei crearium.

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