Kürzlich ging es in einem Workshop mit einer Organisation darum, sich mit verschiedenen Leitungsmodellen auseinanderzusetzen. In der Diskussion kam es bald zur Frage, welche Möglichkeiten es für ein (Leitungs)Gremium oder eine Gruppe gibt, Entscheide gemeinsam zu fällen. Davon handelt dieser Blogbeitrag.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie ein Gremium oder eine Gruppe einen Entscheid fällen kann. Jedes Entscheidungsverfahren hat Vor- und Nachteile. Ein Gremium oder eine Gruppe muss vorab klären, welches Entscheidungsverfahren es künftig anwenden will. Es ist auch möglich, für verschiedene Entscheide unterschiedliche Entscheidungsverfahren einzusetzen. Dies darf allerdings nicht willkürlich passieren, sondern muss ebenfalls vorgängig festgelegt sein (z.B. strategische Entscheide mit Verfahren A, strukturelle Entscheide mit Verfahren B und operative Entscheide im Verfahren C). Dabei gilt es die Vor- und Nachteile sorgfältig abzuwägen und auch allfällige Folgen und Auswirkungen zu diskutieren. Auf den ersten Blick mag das trivial erscheinen, beim genaueren Hinsehen können verschiedene Stolpersteine auftauchen.
In demokratischen Gesellschaften ist der Mehrheitsbeschluss bekannt und weit verbreitet. Er ist akzeptiert und ist eine einfache, natürliche und logische Sache. Beim Mehrheitsbeschluss gibt es jedoch auch einen gewichtigen Nachteil, den es zu berücksichtigen gilt: die Personen in der Minderheit verlieren, was weitreichende Konsequenzen haben kann – nicht nur in Bezug auf das Resultat, sondern auch auf die Beziehungen zwischen den beteiligten Personen.
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Konsens bedeutet Einstimmigkeit. Also alle Personen des Gremiums sind für diesen Entscheid. Der grösste Vorteil gegenüber dem Mehrheitsentscheid liegt darin, dass ein Konsens keine Verlierer hervorbringt – es gibt also keine Personen, die der Mehrheit unterliegen. Wenn es aber ein Veto gibt, dann kann die Entscheidung nicht getroffen werden. In der Praxis gibt es dann meistens gruppendynamisch eher fragwürdige Versuche, das Veto aufzulösen oder die Person, welche das Veto eingebracht hat, zu überzeugen ihre Meinung zu ändern. Dadurch entsteht eine Ungleichheit in der Gruppe. Wer das Veto hat, hat in dem Moment die Macht und die Gruppe muss sich unterordnen. Falls es andere (unausgesprochene oder sogar unbewusste) Konflikte gibt, die vielleicht dazu führen, dass eine Person ein Veto bringt, kann man gar nicht sachlich diskutieren und das Veto ausräumen. Um Einstimmigkeit zu erzeugen braucht es häufig eine (ausführliche) Diskussion. Oft wird dabei nur über Meinungen und nicht über Sachverhalte diskutiert. Meinungen können und dürfen ja unterschiedlich sein und haben vielfach gar nichts mit dem Entscheidgegenstand zu tun.
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Beim Konsent wird die Entscheidung getroffen, wenn im Moment nichts schwerwiegendes dagegen spricht. Auf den ersten Blick sieht das gleich aus wie beim Konsens, also bei Einstimmigkeit. Das ist aber nicht so. Konsens ist, wenn alle dafür sind; Konsent, wenn keiner dagegen ist. Die Auswirkungen dieser Umkehr sind nicht zu unterschätzen. Konsent bedeutet, dass nicht die Mehrheit entscheidet, sondern das beste verfügbare Argument. Ein Konsent besteht so lange, bis jemand einen schwerwiegenden Einwand hervorbringt. Einwände können alle Personen vorbringen, die von der Entscheidung betroffen sind. Einwände sind willkommen. Denn falls der Einwand begründet und nachvollziehbar ist, ist das ein guter Grund, warum der Vorschlag so nicht stehen bleiben sollte. Einwände sind somit eine Möglichkeit der Verbesserung. Bedenken sind keine Einwände. Sie müssen zuerst in der Praxis bewiesen werden. Sonst besteht die Gefahr, eine Chance zu verpassen für etwas, das funktionieren könnte, aber aufgrund von Ängsten oder Vorlieben nicht gemacht wird.
Ein wesentliches Prinzip beim Konsent ist, dass er nur ein «vorläufiger» Entscheid ist. Er gilt, solange es keine wesentlichen Einwände gibt. Diese können auch auftreten, nachdem der Entscheid gefällt wurde. Manche Dinge werden erst beim ausprobieren sichtbar. Dieser Umstand ist ein grosser Unterschied zum gängigen Bild, dass ein Entscheid «für die Ewigkeit» gilt. Mit Konsent lassen sich Entscheide rasch fällen und auch rasch wieder anpassen, was in Zeiten mit Ungewissheit ein grosser Vorteil ist. Es ist effizienter, eine Entscheidung so gut zu treffen, wie es eben gerade geht und dann mit der Zeit zu verbessern, als ewig zu diskutieren. Konsent ist ideal, wenn Agilität wichtig ist.
Vorteile | Nachteile |
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Dieses Verfahren eignet sich, wenn mehrere Vorschläge zur Auswahl stehen. Beim systemischen Konsensieren ermittelt die Gruppe den Vorschlag, der den geringsten Widerstand in der Gruppe hat. Dazu geben alle Beteiligten (geheim) ihren Widerstandswert ab (0 = kein Widerstand, 10 = sehr starker Widerstand). Die Punkte werden für jeden Vorschlag zusammengezählt. Der Vorschlag mit den wenigsten Punkten weist den geringsten Widerstand in der Gruppe auf.
Vorteile | Nachteile |
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Wie der Name sagt, ist es nicht ein gemeinsam gefällter Entscheid. Dennoch hat er viel mit dem Gremium oder der Gruppe zu tun. Einerseits, weil sich die Menschen auf dieses Entscheidverfahren einigen müssen. Andererseits, weil die Person, die entscheidet, relevante Personen konsultieren muss. Der konsultative Einzelentscheid ist kein einfacher, formeller Akt der Delegation. Er verlangt von der Person, die entscheidet, viel Abklärung: Wen soll ich konsultieren? Wer kann dazu etwas beitragen? Wer ist von meiner Entscheidung betroffen? Was sind die Alternativen?
Intuitiv spricht anfänglich vieles dagegen, Entscheide (von grosser Tragweite) von einzelnen Personen fällen zu lassen. Doch wer entscheidet, übernimmt Verantwortung. Wenn ein Gremium gemeinsam entscheidet, liegt die Verantwortung bei allen – und somit bei niemandem.
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Welche Erfahrungen haben Sie mit verschiedenen Entscheidungsverfahren gemacht? Wo gibt es Ihrer Meinung nach Schwierigkeiten beim Einsatz dieser Entscheidverfahren? Ich bin gespannt auf Ihre Diskussionsbeiträge!
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