15.07.2020

Das Problem der Delegation

Aus einem Gespräch mit einem Manager.

Delegieren

Dezentralisieren geht weiter als Delegieren.

Kürzlich hat uns ein Manager erzählt, dass er seinen Mitarbeitenden weitreichende Befugnisse eingeräumt habe. Nach den Gründen gefragt meinte er: «Die Leute müssen lernen, Verantwortung zu tragen. Wer mit der Aufgabe enger vertraut ist, trifft die besten Entscheidungen.» Über diese Erkenntnis waren wir sehr erfreut. Wir teilen die Ansicht, dass Entscheide dort gefällt werden sollten, wo sie anfallen.

Das eigene Delegieren wieder aufgehoben

Bei der weiteren Erzählung des Managers haben wir jedoch gemerkt, dass nicht alles zum Besten bestellt ist, was sein Delegieren angeht. Er hat es nämlich so eingerichtet, dass er laufend ausführliche Berichte über die Entscheide seiner Mitarbeitenden erhält. Er benutzt diese Informationen, um auf das Verhalten der Leute einzuwirken, damit sie ihre Entscheidungen noch mal überdenken und eventuell revidieren. Er behält sich also das Vetorecht bei und delegiert entsprechend nicht vollumfänglich. Er sagt dazu: «Verantwortlich bin ich, also muss ich wissen, was vorgeht.» Da stellt sich natürlich die Frage, was er denn genau unter delegieren versteht.

Widersprüchliches Verhalten

Seine Äusserungen zeigen ein widersprüchliches Verhalten. Mit der Rechten delegiert er Entscheide und Verantwortung. Und mit der Linken trifft er Massnahmen, die bewirken, dass die Vollmachten, die er erteilt hat, wieder aufgehoben werden. So gibt er Verantwortung nicht ab. Wenn Wort und Tat auseinanderklaffen, dann orientiere ich mich als Mensch immer an der Tat. Das untergräbt nicht nur seine Glaubwürdigkeit. Mit seinem Verhalten teilt er den Mitarbeitenden auch mit: «Auf euch ist kein Verlass. In Wirklichkeit könnt ihr keine so guten Entscheidungen treffen wie ich.»

Dezentralisieren geht weiter als Delegieren

Wir haben uns lange mit ihm darüber unterhalten. Er kam zum Schluss, dass delegieren (insbesondere von Entscheiden und Verantwortung) in letzter Konsequenz eigentlich gar nicht funktioniert, weil er in seinem System ja immer der Vorgesetzte ist. Wenn er sich als Vorgesetzter entscheidet, Entscheidungsmacht tatsächlich abzugeben, ist es nicht mehr Delegation, sondern Dezentralisierung. Und diese hat weitreichende Auswirkungen auf die Organisationsstruktur.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Delegation gemacht?

Autor

Beat Kunz

Beat Kunz ist Organisations- und Kommunikationsberater. Im Blog berichtet er aus seiner vielfältigen Tätigkeit bei crearium.

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